
ZURIGA
Espresso-Profiling ohne Touchdisplay
ZURIGA entwickelt, designt und baut Espressomaschinen in eigener Manufaktur in Zürich. Bei der neusten Maschine, der ZURIGA T2, hat das Unternehmen entgegen dem Trend auf ein fest verbautes Touchdisplay verzichtet und stattdessen auf eine App gesetzt. Gemeinsam haben wir die App gestaltet und mit Kotlin Multiplatform für iOS und Android entwickelt.
Eine App statt Touchdisplay
Die App ist kein Extra neben der Maschine, sie ist ihre detaillierte Bedienoberfläche. Ein fest verbautes Touchdisplay würde schneller altern als die auf Jahrzehnte ausgelegte Mechanik, die App dagegen entwickelt sich unabhängig von der Hardware weiter.
Die wesentlichen Funktionen bleiben direkt an der Maschine: Kaffee und Dampf werden ausschliesslich dort gestartet und gestoppt. Detaillierte Brühparameter, Messkurven, Erklärungen und Einstellungen zeigt die App, die per Bluetooth mit der Maschine verbunden ist, auf iOS und Android. Von der Temperatur bis zum professionellen Druck- und Flussprofiling lässt sich jedes Detail einstellen.
Wer noch keine Maschine hat, startet beim Verbinden mit «App ohne Gerät testen» einen vollständigen Demo-Modus mit simulierter Maschine, inklusive Profilen, virtuellen Bezügen und Live-Kurve.
Brühprofile mit Druck- und Flussprofiling
Der erste Tab zeigt die verbundene Maschine und die Brühprofile als Karten zum Durchblättern. Ausgehend von verständlichen Presets lassen sich Druck, Fluss, Brühtemperatur, Brühverhältnis, Puck Saturation und die verschiedenen Phasen der Vorbrühung einstellen und so auf den eigenen Kaffeegeschmack anpassen.
Bis zu fünf Profile werden direkt auf der Maschine gespeichert. Jedes Profil hat ein abstraktes Zeichen, das in der App und auf dem Dot-Display der Maschine identisch erscheint. So wählen Nutzer:innen ein Profil auch ohne App direkt an der Maschine aus, und weitere Personen oder Smartphones greifen auf dieselben Profile zu.

Die Extraktion als Live-Kurve
Die Live-Kurve erscheint als Fullscreen-Overlay, sobald die Maschine brüht. Während der Extraktion laufen Zeit, Gewicht in der Tasse, Druck und Fluss als grosse Zahlen mit, darunter zeichnen sich die Kurven im Sekundenraster auf. Man sieht, wie der Druck aufbaut, wann die Vorbrühung endet, wie der Fluss reagiert. Fünfundzwanzig Sekunden, die sonst einfach vergehen, werden zu einem lesbaren Verlauf.
Soll und Ist in der Brew History
Die Brew History hält die letzten zehn Kaffeebezüge fest, jeden mit dem verwendeten Profil, den Soll- und Istwerten und der vollständigen Messkurve. Die Daten liegen auf der Maschine und werden beim Verbinden mit der App synchronisiert.
Damit stehen Soll und Ist direkt nebeneinander. Ein Profil zielt auf 40 Gramm, in der Tasse sind 36 gelandet: Das kann an der Bohne liegen, am Mahlgrad, an der Verdichtung im Siebträger. Wer den Unterschied sieht, kann ihn zuordnen und beim nächsten Mal gezielt eine Schraube drehen statt mehrere gleichzeitig.

Jeder Eintrag lässt sich öffnen und zeigt die Kurve des Bezugs, so wie sie während des Brühens zu sehen war. Der Espresso von gestern früh bleibt Sekunde für Sekunde nachvollziehbar und lässt sich mit dem von heute vergleichen.
Das ist mehr als Statistik. Kaffee ist ein lebendiges Produkt: Eine Bohne verändert sich über die Wochen nach der Röstung, jede neue Packung verlangt eine andere Einstellung. Wer seine Bezüge vergleicht, erkennt darin ein Muster statt eines Zufalls.
Einstellungen mit digitalem Drehrad
Was an einer Maschine ohne Touchdisplay sonst kaum Platz fände, steht hier: Brühtemperatur, Tassenheizung, Standby-Zeit, Beleuchtung und Wasserhärte. Viele dieser Einstellungen sind grundsätzlich auch am Dot-Display der Maschine möglich. Die App macht sie zugänglicher und erklärt sie dort, wo die begrenzte alphanumerische Anzeige an ihre Grenzen kommt.
Werte werden mit einem digitalen Drehrad gesetzt, das Formsprache und Haptik der ZURIGA-Produkte aufnimmt. Sein haptisches Feedback erinnert bewusst an das physische Einstellrad der Maschine. Einstellungen werden bewusst bestätigt oder verworfen, nichts ändert sich im Stillen.

Das digitale Pflege-Logbuch dokumentiert Entkalkung und Entfettung. Die eingestellte Wasserhärte ermöglicht Pflegehinweise, die auf das tatsächlich verwendete Wasser abgestimmt sind.
Eine verbindende Designsprache
Das UI Design folgt denselben Prinzipien wie das Gerät. Swiss Design im engeren Sinn: klare Typografie, grosszügige Abstände, viel Weissraum, eine zurückhaltende Farbwelt, keine Dekoration. Hierarchie entsteht über Grösse und Abstand. Farbe erscheint nur dort, wo sie etwas bedeutet. Was zählt, sind die Zahlen: gross gesetzt, klar gegliedert, mit reduzierten Beschriftungen. Die App wirkt wie ein hochwertiges Messinstrument, nicht wie eine Fernbedienung, und überfordert trotzdem niemanden mit Technik.
Das Dot-Display der Maschine wird in der App als visuelles Element aufgegriffen, die Profilzeichen sind an beiden Orten identisch, und ein Profilwechsel an der Maschine ist in der App unmittelbar sichtbar.
Kotlin Multiplatform für iOS und Android
Bis zur Marktreife haben wir die App für iOS und Android aus einer gemeinsamen Codebasis entwickelt. Damit funktionieren Maschinenkommunikation, Datenverarbeitung und Geschäftslogik auf beiden Plattformen konsistent.
Plattformspezifisch umgesetzt werden jene Bereiche, in denen iOS und Android unterschiedliche Anforderungen stellen: insbesondere die Anbindung an die jeweiligen Bluetooth-Systeme und die Integration in die Bedienkonventionen der Plattform.
Bluetooth Low Energy als technisches Rückgrat
Die Kommunikation zwischen App und Maschine läuft über Bluetooth Low Energy. Über dieselbe Verbindung werden Einstellungen gelesen und geschrieben, Live-Daten übertragen, Profile synchronisiert und Firmware-Updates over the Air installiert: Bestehende Maschinen erhalten neue Funktionen, ohne geöffnet oder in eine Werkstatt gebracht zu werden.
Während des Bezugs verarbeitet und visualisiert die App fortlaufend Druck, Fluss, Zeit und Tassengewicht. Die Messwerte müssen zuverlässig und verständlich dargestellt werden, während die Maschine parallel ihre Extraktionsphasen ausführt. Die Kommunikation ist bidirektional: Die App empfängt nicht nur Daten, sondern überträgt auch Einstellungen, Profile und Firmware an die Maschine. Änderungen werden abgeglichen und anschliessend lokal auf der Maschine gespeichert.
Die Bluetooth-Schnittstelle ist mit jeder Firmware-Version gewachsen. Zwischen März und August 2026 haben wir acht Firmware-Stände bis zur Version 1.0 integriert, neue Funktionen wie die Brew History mit Druck- und Gewichtskurve angebunden und dafür gesorgt, dass die App auch mit älteren Maschinen kompatibel bleibt. Automatisierte Tests prüfen jede Protokoll-Nachricht Byte für Byte. Bricht die Verbindung unbemerkt ab, verbindet sich die App von selbst wieder, und Profile und Einstellungen bleiben auch ohne Verbindung verfügbar.
Apps, die mit Hardware sprechen, begleiten uns seit Jahren: von DaysyDay und Teena, die Messwerte per Bluetooth von einem Messgerät übernehmen, über die Armbänder von Mictic bis zur Apple-Watch-App von Uepaa.
Barrierefreiheit mit VoiceOver und TalkBack
Die ZURIGA App unterstützt zentrale Bedienungshilfen von iOS und Android. Texte und Werte skalieren mit der im System gewählten Schriftgrösse, ohne dass das Layout bricht. Ist die Systemeinstellung «Bewegung reduzieren» aktiviert, überspringt die App die Startanimation und zeigt stattdessen ein Standbild.
Für VoiceOver und TalkBack sind Bedienelemente und Symbole verständlich benannt, rein dekorative Bilder sind bewusst ausgenommen. Interaktive Elemente übermitteln ihre Funktion korrekt an die Bedienungshilfen, Schalter etwa als umschaltbare Elemente. Während eines Bezugs gibt die App Zeit, Gewicht, Druck und Fluss als Live-Region aus und aktualisiert sie bei Änderungen.
Credits
Unsere Leistungen: UX und Design (gemeinsam mit ZURIGA), Softwareentwicklung iOS und Android
Kundin: ZURIGA AG
Plattformen: iOS, Android
Framework: Kotlin Multiplatform